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Kongenitale Skoliose

„Eine Korsettbehandlung ist selten zielführend“

Von Ethianum Klinik Heidelberg · 2020

Prof. Dr. med. Jürgen Harms

Prof. Dr. med. Jürgen Harms, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, ETHIANUM Klinik Heidelberg, berichtet über die kongenitale Skoliose, ihre Problematik und mögliche Folgen sowie Behandlungsoptionen.

Was ist unter einer kongenitalen Skoliose zu verstehen?

Dabei handelt es sich um eine entwicklungsbedingte Wirbelsäulenanomalie, die zu einer lokalen Imbalance des Längenwachstums der gesamten Wirbelsäule (WS) führen kann. Die Deformität zeigt sich zunächst in der koronaren Ebene, also bei der Ansicht von vorne. Diese Veränderungen sind schon bei der Geburt vorhanden, werden jedoch häufig zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkannt. 

Wie wirkt sich die lokale Deformität im weiteren Verlauf aus?

Das hängt zum einen von der Geschwindigkeit des Längenwachstums der WS ab. Es gibt zwei kritische Wachstumsperioden, die mit einem starken Wachstum der Fehlform verbunden sind: einmal zwischen Geburt und Abschluss des zweiten Lebensjahres und einmal gegen Ende des WS-Wachstums. Zum anderen hängt der Verlauf sehr stark von der Art der angeborenen Fehlstellung ab.

Präoperativ – Fehlbildung im Alter von 13 Monaten

Welche Arten sind das?

Dazu gehören auch Fehlbildungen im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS), bei der es auch zu einer entsprechenden Beeinflussung der Rippenstellung kommen kann – in der Regel zu einer zunehmenden rotatorischen Fehlstellung durch Blockung des Wachstums auf einer Seite. Auch kann es zu Fehlentwicklungen im Bereich der Rippen selbst kommen, was bei der Diagnostik, der Prognose und gegebenenfalls der operativen Korrektur berücksichtigt werden muss. Besonders problematisch sind kongenitale Fehlbildungen am oberen und unteren Ende der Wirbelsäule, da das Becken und der Kopf selbst keine kompensatorische Gegenkrümmung ausbilden können. Dadurch verschlechtert sich die Fehlbildung relativ rasch. 

Wie reagiert die Gesamtwirbelsäule auf eine lokale kongenitale Fehlbildung?

Das Verhalten der sekundär auftretenden kompensatorischen Kurven muss genau beobachtet werden. Diese sekundären Kurven sind bei Beginn einer Verschlechterung der primären kongenitalen Fehlform noch sehr flexibel, werden aber mit der wachstumsbedingten Verschlimmerung der Sekundärkrümmung durch strukturelle Verformungen zunehmend rigider, also unbeweglich, und erschweren dann die operative Behandlung erheblich. Dies bedeutet: Wenn eine Zunahme der Primärkrümmung beobachtet wird, sollte eine rasche Korrektur dieser angestrebt werden, damit ein negativer Einfluss auf die gesunden Anteile ober- und unterhalb der Primärkrümmung vermieden wird. 

Was kann eine Korsettbehandlung und wann raten Sie zu einem Eingriff?

Ein sogenanntes Bracing kann in Einzelfällen notwendig werden, insbesondere bei sehr kleinen Kindern, um eine zu rasche Fehlentwicklung der Sekundärkrümmung zu verhindern. Eine Korsettbehandlung ist jedoch beim Vorliegen einer progredienten, primären kongenitalen Kurve und Imbalance nicht in der Lage, einer weiteren Progression der Fehlstellung mit Einfluss auf die Gesamtwirbelsäule vorzubeugen. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass eine operative Behandlung dann einzuleiten ist, wenn man erkennt, dass es im weiteren Wachstum zu einer erheblichen Deformität der Gesamtwirbelsäule kommen kann, weswegen eben der möglichst frühzeitige operative Eingriff anzustreben ist. Für eine operative Therapie der kongenitalen Fehlbildung muss das betroffene Kind eine gewisse Größe und Reifung des Skelettsystems haben, um operative Eingriffe erfolgreich durchführen zu können.

Postoperativ – elf Jahre nach Halbwirbelresektion

Was bedeutet „erfolgreich“ in diesem Fall?

Viele dieser korrigierenden Eingriffe im Bereich der primären Fehlentwicklung können heute alleine vom Rücken her operativ sehr gut behandelt werden. Dazu muss jedoch das Wirbelsäulenskelett eine gewisse Ausreifung erfahren haben, um eben die Korrekturmaßnahmen, die häufig mit der Einbringung von Implantaten verbunden sind, durchführen zu können. Es hat sich herausgestellt, dass bei einer rasch progredienten Fehlform die Voraussetzungen für eine Operation ab dem zweiten Lebensjahr gegeben sind, um das intraoperative Ergebnis auch dauerhaft halten zu können. In den letzten 20 Jahren sind jedoch auch bei sehr komplexen Fehlformen Techniken entwickelt worden, die bei konsequenter Anwendung zu einem guten Langzeiterfolg führen können. Allerdings ist der Einfluss des Wachstums, aber auch der operativen Maßnahmen bei der Gesamtentwicklung der noch wachsenden Wirbelsäule nicht im Einzelnen voraussagbar. Daher müssen sich Eltern und Patienten darauf einstellen, dass bei schweren Fehlformen nicht nur regelmäßige Kontrolluntersuchungen wichtig sind, sondern auch Nachoperationen nötig sein können. 

Worauf sollten Eltern achten?

Dass sie das Bewusstsein für die Notwendigkeit haben, dass solche sich entwickelnden sekundären Fehlformen frühzeitig erkannt und gegebenenfalls auch operativ korrigiert werden. Und dass die Behandlung nur in Zentren durchgeführt werden sollte, die über eine entsprechende Erfahrung, auch Langzeiterfahrung auf dem Gebiet der Behandlung kongenitaler Fehlentwicklungen der Wirbelsäule verfügen. Des Weiteren sollte auch die Infrastruktur vorhanden sein, um diese Maßnahmen mit hoher Sicherheit für den Patienten durchführen zu können.

Kontakt

Ethianum Klinik Heidelberg
Voßstraße 6
69115 Heidelberg
E-Mail: juergen.harms@ethianum.de
Web: www.ethianum-klinik-heidelberg.de

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